Pekić und Ironie
«Keine Poststelle der Wahrheiten» – Was Pekićs Ironie heute fordert
Die Szene ist rasch erzählt: Ein Interviewer fragt Borislav Pekić – 1968, im Lärm der Parolen und der verheißungsvollen Gewissheiten –, ob Ironie heute das letzte brauchbare Verhältnis zur Wirklichkeit sei oder bloß das Eingeständnis unserer Ohnmacht. Pekić antwortet trocken: „Mit Literatur baut man die Welt nicht auf. Im besten Fall zerlegt und untersucht man sie damit.“ Und weiter: Ironie sei nur eine Ebene jener der Literatur „innewohnenden negativen Haltung zur Welt“. Der Schriftsteller sei kein Postbote, die Literatur keine Poststelle: Sie verschicke keine Lösungen, sie prüfe Voraussetzungen.
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Dürers „Melencolia I“ (1514) – Die Allegorie der Prüfung: Werkzeuge liegen bereit, doch der Genius hält inne. Wie Pekić sagt: Literatur baut keine Welt auf, sie prüft ihre Voraussetzungen. |
Man kann diese Sätze als höfliche Absage an die Instrumentalisierung von Kunst lesen. Man kann in ihnen aber auch einen Handlungsaufruf erkennen – gerade für Leserinnen und Leser, die mit dem Reflex groß geworden sind, dass Texte „etwas bewirken“ müssen: Klick, Share, Petition, Call to Action. Pekić dreht diese Erwartungslogik um. Literatur bewirkt, indem sie verweigert; sie verbessert, indem sie verkompliziert; sie handelt, indem sie Hemmungen einzieht. Das ist kein Rückzug ins Ästhetische, sondern eine Praxis der Genauigkeit.
Ironie ist nicht Zynismus
Beginnen wir mit der heikelsten Unterscheidung unserer Gegenwart, die das Wort „Ironie“ beinahe unbrauchbar gemacht hat: Ironie ist nicht Zynismus. Zynismus ist die bequeme Kapitulationserklärung, das süffisante „eh alles egal“. Ironie dagegen ist ein präzises Werkzeug der Distanzierung. Sie schafft Zwischenraum zwischen Behauptung und Zustimmung, zwischen Pose und Überzeugung, damit ein drittes ins Blickfeld rückt: die Bedingungen, unter denen überhaupt behauptet und zugestimmt wird. Pekić nennt das die „negative Haltung“ der Literatur zur Welt – negativ nicht im Sinne von „schlecht gelaunt“, sondern im strengen Sinne der Negation: das Nein, das eine Behauptung auf ihre Voraussetzungen zurückbiegt.
Für eine Generation, deren Humor in Memes denkt, ist dieser Unterschied entscheidend. Der zynische Witz schützt vor Verletzung, aber er schützt ebenso vor Erkenntnis. Ironie schützt nicht, sie exponiert. Sie macht Aussagen brüchig, um sie befragbar zu machen. Wer ironisch schreibt oder liest, stellt sich nicht über die Welt, sondern mitten hinein – nur nicht blindlings.
„Zerlegen und untersuchen“ – die Ethik der Präzision
Pekićs Formel vom Zerlegen und Untersuchen wirkt im ersten Zugriff unheroisch. Gegen „Wir bauen eine bessere Welt“ setzt er das spröde „Wir prüfen eine gegebene“. Die Pointe liegt darin, dass diese Prüfung selbst eine Form von Weltverbesserung ist – eine sehr unromantische, sehr wirksame. Denn jede Lösung, die nicht geprüft wurde, baut auf Sand. Ironie ist der Baugrundgutachter, der die feuchten Wände anzeigt, bevor die Tapete hängt.
Die Ethik dahinter ist einfach und schwer zugleich: Nichts behaupten, was die Form nicht trägt. Ein Roman, der mit lauter Antworten endet, hat von der Literatur das Nötigste nicht verstanden – dass Form eine Art Argument ist. Pekićs schöne Postmetapher – der Schriftsteller kein Bote, die Literatur keine Poststelle – richtet sich gegen das Missverständnis, Literatur müsse Botschaften überbringen. Sie kann, im besten Fall, Bedingungen erfahrbar machen. Wenn ein Text uns zeigt, wie eine Gewissheit entsteht, hat er mehr „bewirkt“ als ein Text, der uns eine Gewissheit hinstellt.
Engagement ohne Parole
Gegenwartsliteratur wird oft danach beurteilt, ob sie „engagiert“ ist. Pekić verschiebt den Begriff. Engagement heißt bei ihm nicht, dass ein Text auf die Parolenseite der eigenen Gesinnung wechselt. Engagement heißt, die Welt so ernst zu nehmen, dass man ihr keine Abkürzungen zumutet. Das schließt politische Schärfe nicht aus – im Gegenteil. Es macht sie belastbar.
Wer Pekićs Vreme čuda (Zeit der Wunder) liest, erlebt keine katechetische Bestätigung der eigenen Deutung, sondern die Suchbewegung einer Erzählung, die die Mechanik des Glaubens freilegt: Wie entstehen Erzählungen, die unser Wirklichkeitsgefühl binden? Wodurch halten sie – und wo beginnen sie zu reißen? Das ist kein „neutraler“ Blick. Es ist ein hochpolitischer Zugriff, nur eben ohne Auftrag.
Warum diese alte Lektion gerade jetzt gilt
Was hat das mit der Gegenwart zu tun, mit Feeds, die in Sekundenbruchteilen Zustimmung organisieren? Alles. Je schneller Botschaften zirkulieren, desto niedriger wird die Toleranz für Zwischentöne. Ironie – verstanden als prüfende Distanz – verlängert diese Zwischentöne. Sie zwingt dazu, die Funktionsweise des eigenen Einverständnisses mitzudenken: Warum nicke ich? Weshalb widerstrebe ich? Welche Metaphern führen mich – und von wem habe ich sie mir geliehen?
Man kann das „Ambiguitätstoleranz“ nennen oder „Komplexitätsfreundlichkeit“. Es ist auch ein Muskel, der ohne Training verkümmert. Pekić schlägt ein Trainingsprogramm vor, das altmodisch klingt und modern ist: Genau lesen, formbewusst schreiben, den Reflex auf Lösung aufschieben, die Versuchung der Botschaft misstrauisch betrachten. Das ist besonders heilsam in Diskursen, in denen jede Aussage sofort in eine Position übersetzt wird („Bist du dafür oder dagegen?“). Ironie hält diesen Übersetzungszwang auf. Sie sagt: Ich prüfe noch.
Die produktive Unfruchtbarkeit
„Ich sehe keinen Grund“, schreibt Pekić, „warum [Ironie], auf die schlechten Seiten [der Welt] gerichtet, unauthentisch oder unfruchtbar sein sollte.“ Der Verdacht lautet bis heute, Ironie sei steril: ein Spiel, das nichts hervorbringt. Das Gegenteil ist der Fall. Ironie bringt keine Lösungen hervor – und genau darin liegt ihr Ertrag. Denn echte Lösungen sind Sonderfälle gelungener Prüfungen. Wer auf Lösungen zielt, ohne die Prüfung, landet bei der Pose – oder bei der Propaganda.
Pekićs „Unfruchtbarkeit“ ist also eine Absage an Scheinfruchtbarkeit. Ein Text, der etwas anrührt – der unsere Gewissheiten porös macht –, verändert uns als Leser. Und veränderte Leser verändern die Welt. Nicht linear, nicht messbar – aber zuverlässig. Das mag unbefriedigend klingen in Zeiten, die Wirkung in Kennzahlen zählen. Es ist dennoch der Mechanismus, auf dem jede langlebige Revision von Wirklichkeit beruht: erst die Prüfung, dann der Umbau.
Gegen die Verwechslung von Gefühl und Methode
Noch eine Unterscheidung, die Pekić scharf hält: Er verwirft das Gefühl nicht als Quelle, wohl aber als Methode. Wer schreibt, darf alles fühlen – nur soll er das Fühlen nicht an die Stelle der Prüfung setzen. Das gilt ebenso fürs Lesen. Emotion ist Antrieb, nicht Ergebnis. Am Ende muss etwas auf dem Tisch liegen, das prüfbar ist: eine Form, eine Struktur, ein Bild, eine Figur, die Widerspruch aushält.
Das macht die Literatur anstrengender als das Statement – und demokratischer. Anstrengender, weil sie fordert, statt zu bedienen. Demokratischer, weil sie nicht auf den Besitz der richtigen Botschaft setzt, sondern auf das gemeinsame Lernen an der Form. Man muss keine „Linie“ teilen, um über einen Roman ins Gespräch zu kommen; man muss nur bereit sein, seine Methode ernst zu nehmen.
Was heißt das praktisch – für das Lesen heute?
Erstens: Misstrauen Sie jeder Stelle in einem Text, die wie ein Abholschalter für Gewissheit wirkt. Dort, wo „die Botschaft“ grell blinkt, lohnt der Blick in den Maschinenraum: Aus welchen Bildern ist sie gebaut? Wessen Stimme wird überspielt?
Zweitens: Achten Sie auf Brüche. Ironie markiert Bruchstellen – Tonverschiebungen, Doppeladressierungen, komische Entlastungen. Sie sind keine Spielerei, sondern Prüfspitzen. An ihnen zeigt sich, ob ein Gedanke mehr kann, als moralisch zu posieren.
Drittens: Seien Sie großzügig mit Zeit. Ironie ist die Kunst der langen Umwege. Ein Satz, der heute irritiert, kann morgen aufgehen. Das ist kein Plädoyer für Beliebigkeit, sondern für Geduld: Eine Literatur, die nicht baut, sondern prüft, braucht die Zeit, die ihr Prüfgegenstand in Anspruch nimmt – die Wirklichkeit.
Ein anderes Verständnis von Wirkung
Am Ende steht die Frage, die jede Debatte über „engagierte“ Literatur untergründig steuert: Wozu das alles? Pekićs Antwort ist kühl und tröstlich zugleich. Literatur hat keine exekutive Macht. Ihr Instrument ist das Wort. Aber Worte sind nicht nichts. Sie sind die feinste Messapparatur, die wir besitzen, um Verhältnisse sichtbar zu machen, in denen wir stehen – zu Ideen, zu Institutionen, zueinander. Ironie kalibriert diese Apparatur. Sie macht die Anzeige empfindlicher. Sie lässt Fehlermeldungen aufscheinen, bevor wir die Maschine mit voller Drehzahl fahren.
Für eine Generation, die unter permanentem Handlungsdruck steht – „Tu etwas!“ –, ist das kein Alibi, sondern eine Befreiung: Man darf, bevor man handelt, genau sein. Man darf, bevor man zustimmt, prüfen. Und man darf, während man prüft, literarisch sein – also ironisch, zweifelnd, formbewusst.
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